Jugendhilfe ist kein überflüssiges Gedöns!

    Liebe Berliner*innen,

    wir haben uns heute hier auf dem Senefelderplatz versammelt, um Ihnen eine frohe Botschaft zu verkünden: Schon in naher Zukunft, ungefähr im Jahr 2057, werden in dieser Stadt so viele Probleme gelöst sein, dass wir praktisch kein Geld mehr für Jugend und Soziales ausgeben müssen!

    Stellen wir uns das einmal vor:

    • Alle Kinder haben denselben Zugang zu hochwertiger Bildung – unabhängig vom Wohnort oder Elternhaus.
    • In den Schulen gibt es genügend qualifiziertes Lehrpersonal. Die Klassen sind so klein sein, dass jedes Kind individuell nach seinen Bedürfnissen gefördert werden kann.  
    • Wir haben endlich bezahlbaren Wohnraum, der nicht Profitinteressen unterliegt, und allen Menschen, gleich ihrer Herkunft zugänglich ist.
    • Es ist inzwischen sehr attraktiv geworden, in der sozialen Arbeit zu arbeiten, da der Sektor, in dem vorher vor allem FLINTA*s gearbeitet haben, finanziell mit anderen Branchen wie der Tech- und Finanzbranche gleichgestellt wurde. Die Wertschätzung für Sozialarbeiter*innen spiegelt sich in deren Gehaltsstrukturen wider. Die Gesellschaft geht nicht mehr von einer biologisch gegebenen Aufopferungsbereitschaft aus. Sie klatscht nicht mehr, sondern erkennt jegliche Carearbeiten als das an, was sie sind: systemerhaltend.
    • Die Mitarbeiter*innen im Jugendamt sind nur noch für so viele Fälle zuständig, die auch zu bewältigen sind. Dadurch können Kinder und Jugendliche individuell und bedarfsgerecht unterstützt werden.
    • Junge Menschen in der Jugendhilfe bekommen die Zeit zum Nachreifen, die sie auch tatsächlich benötigen.

    Paradiesische Zustände! Oder vielleicht einfach nur eine Selbstverständlichkeit in einem der wohlhabendsten Länder der Welt?

    Die Sache hat leider einen kleinen Haken: Hier und heute, im Jahr 2025, sind in Berlin immer mehr Kinder und Jugendliche von Armut betroffen. Wegen des Wohnungsnotstandes leben sie mit ihren Familien auf engstem Raum zusammen. So sind Konflikte vorprogrammiert und konzentriertes Lernen kaum möglich.

    Sie gehen in schlecht ausgestattete Schulen, in denen das überforderte pädagogische Personal kaum noch in der Lage ist, vernünftigen Unterricht anzubieten.

    Weil Freizeiteinrichtungen wie Jugendclubs geschlossen werden, bleibt ihnen als Rückzugsort nur die Straße. Keine guten Voraussetzungen, um später in ein straffreies Arbeitsleben zu starten und sich für Demokratie zu begeistern! Wer Ausgrenzung erlebt, neigt leider eher dazu, die Schuld bei noch schwächeren zu suchen und diese zu diskriminieren. Wer die Erfahrung macht, dass sich die Gesellschaft nur für seinen ökonomischen Nutzen interessiert, der wird sich kaum für diese Gesellschaft einsetzen.  

    Wir sind heute hier, weil die kurzsichtige Kürzungspolitik des Senats den jungen Menschen, die bereits erschwerte Startbedingungen haben, noch mehr Perspektiven verbaut.  Dies wird in einigen Jahren in Form von deutlich höheren Folgekosten wieder auf uns zurückschlagen, sei es für Sozialhilfe, Obdachlosenunterkünfte oder Strafvollzugseinrichtungen.

    Jugendhilfe ist kein überflüssiges Gedöns, sondern eine Investition in die Zukunft!
    Deshalb: Streicht die Streichungen!

    Ingo, Sozialarbeit | Soziales Training
    auf der Kundgebung von Kolleg*innen
    der Abteilung Jugendhilfe und Wohnen am 8. Juli

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